Die hohen Kosten eines Engpasses bei „IT-Projekten“
Bislang war die Tariflogik tief im monolithischen Code des Bestandsverwaltungssystems (PAS) „eingebettet“. Diese Architektur schafft ein festgefahrenes System, in dem schon eine einfache Aktualisierung von Faktoren eine komplexe Abstimmung zwischen Aktuaren, Business-Analysten und Entwicklern erfordert.
Die finanziellen Folgen dieser Starrheit sind gravierend:
- Wartungskosten als Innovationsbremse: Versicherer schätzen, dass sie etwa 70 % ihres gesamten IT-Budgets für die Wartung dieser Altsysteme aufwenden, wodurch kaum Spielraum für Innovationen bleibt (PWC-Bericht: „A Perspective on Modernising Insurance Legacy Systems“).
- Die Kosten der Verzögerung: Wenn ein Versicherer eine Prämienerhöhung von 5 % benötigt, um mit der Inflation Schritt zu halten, diese aber erst nach sechs Monaten umsetzt, entgehen ihm faktisch Gewinne in Millionenhöhe. Eine solche „Prämienrealisierungslücke“ wirkt sich unmittelbar auf das Geschäftsergebnis aus.
Betrachten wir einen Versicherer mit einem 100 Mio. $ Bruttoprämie (GWP) Kundenstamm.
- Der Bedarf: Zur Deckung der Inflation ist eine Preiserhöhung um 5 % erforderlich, was einem zusätzlichen Jahreswert von 5 Mio. $ entspricht.
- Die Verzögerung: Wenn die Umsetzung 6 Monate dauert, werden etwa 50 % der Policen zu dem alten, unzureichenden Tarif verlängert.
- Der Verlust: 5 Mio. $ (Jahreswert) × 0,5 (Verzögerung um ein halbes Jahr) = 2,5 Mio. $ an entgangenen Einnahmen. Im Gegensatz zu einer einmaligen Ausgabe handelt es sich hierbei um „Entgangene Einnahmen“ – Einnahmen, die hätten erzielt werden sollen, aber allein aufgrund von Prozessineffizienz verloren gingen.
- Adverse Selektion: Während Sie auf das nächste IT-Release-Fenster warten, um Ihre Tarife zu aktualisieren, suchen agile Wettbewerber Ihre besten Risiken heraus. Sie werden zum Versicherer letzter Instanz für unterbewertete Risiken, was zu einer vermeidbaren Abwärtsspirale aus steigenden Schadenquoten führt.
- Die Bindung durch Vertragsverlängerung: In Nordamerika haben viele Versicherungsverträge eine Laufzeit von einem Jahr. Wenn die Umsetzung einer Tarifänderung sechs Monate dauert, bedeutet dies, dass 50 % dieser Verträge zum bisherigen Tarif – der möglicherweise nicht mehr rentabel ist – verlängert werden und die Versicherten ein ganzes Jahr lang an diese niedrigere Prämie gebunden sind. Dadurch verlängert sich die Auswirkung der Verzögerung bei der Tarifanpassung effektiv auf einen Zeitraum von 12 bis 18 Monaten.
Den Kreislauf durchbrechen: Entkopplung der Tarifsteuerung
Der erforderliche strategische Umbruch besteht in der Implementierung externer Ratingmaschinen bzw. entkoppelter Tarifsteuerungsebenen. Durch die Auslagerung der mathematischen Preislogik aus dem Kern-PAS in eine spezialisierte, agile Plattform gelingt es Versicherern, die Abhängigkeit von aufwendigen Softwareentwicklungszyklen zu überwinden.
Dieser Ansatz passt ideal zur angestrebten Modernisierung von Bestandsverwaltungssystem-Implementierungen:
- Stärkung der Fachanwender: Statt Tabellenkalkulationen an Entwickler zur Umsetzung in Java oder Gosu zu übergeben, können Aktuare und Fachanwender Tarife und Regeln über „Low-Code"- oder „No-Code"-Oberflächen eigenständig konfigurieren.
- Deployment ohne Re-Deployment: Entkoppelte Tariflogik ermöglicht Änderungen in Stunden statt Monaten, ohne riskante PAS-Neuimplementierungen.
- Sofortige Rollbacks: Genauso wichtig wie die Bereitstellung ist die Möglichkeit, schnell gegenzusteuern. Wenn eine neue Pricing-Strategie unerwartete Ergebnisse liefert, können Fachanwender diese sofort zurücksetzen, ohne auf einen Notfall-IT-Patch warten zu müssen.
Das finanzielle Argument für Agilität
Die Übertragung der Tarifsteuerung an Fachanwender zählt zu den finanziell wirkungsvollsten Schritten, die ein Versicherer unternehmen kann. Die Datenlage ist eindeutig:
- Bekämpfung von Prämienverlusten: Allein in der Kfz-Privatkundenversicherung werden die Prämienverluste aufgrund ungenauer Tarifgestaltung und Validierungslücken auf jährlich 29 Milliarden US-Dollar geschätzt (Verisk: „The Challenge of Auto Insurance Premium Leakage“). Eine agile Tarifsteuerung ermöglicht es Versicherern, diese Lücken durch detaillierte Regelaktualisierungen sofort zu schließen.
- Schadenquote: Moderne Pricing-Engines senken die Schadenquote nachweislich um bis zu 2,8 %, da sie genaueres und zeitnahes Pricing ermöglichen.
- ROI: Die Umstellung auf ein agiles Pricing kann zu einer erheblichen Steigerung des ROI führen, durch die Reduzierung von Prämienabflüssen und die Vermeidung adverser Selektion.
Fazit
Die Zeiten, in denen Tarifänderungen als sechsmonatige IT-Wartungsprojekte behandelt wurden, sind vorbei. In einer Welt der „Polykrise“ und unerbittlicher Volatilität ist Schnelligkeit gleichbedeutend mit Solvenz. Indem sie den Geschäftsanwendern die Möglichkeit geben, Tarife unabhängig vom Bereitstellungszyklus des zentralen Policenverwaltungssystems einzuführen und zurückzunehmen, können Versicherer den finanziellen Aderlass stoppen, ihren Wettbewerbsvorteil zurückgewinnen und den Pricing-Prozess von einem Engpass in einen strategischen Vorteil verwandeln.